Behavioral_ethics

BEHAVIORAL ETHiCS

Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendein Institut aus der Finanzbranche ins Gerede kommt, in dem keine Fälle von Betrug, Manipulation oder Insiderhandel publik werden. Vor allem die Finanzkrise hat das erschreckende Ausmaß dieser Verfehlungen offenbart: Es müssen viele gewesen sein, die in irgendeiner Weise an vordergründig harmlos erscheinenden Geschäftsvorgängen beteiligt waren, ohne dass sie jemals ein Bewusstsein dafür entwickelt hätten, ethisch nicht korrekt zu handeln.

Aber, Augenblick mal! Vielleicht ist dieses Urteil zu hart. Denn das klingt, als ob es nur im Investmentbanking und dort ausschließlich unethische Menschen geben würde.

Nicht zu vergessen all die vielen Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre aus Banken und Unternehmen ausgeschieden sind, die ihren Arbeitsplatz aufgegeben haben oder entlassen wurden, gerade weil sie die vorherrschenden Normen als unethisch empfanden und sich ihnen deshalb nicht unterwerfen wollten. Immerhin hat die Politik unter dem Druck der Öffentlichkeit reagiert und eine Menge Regulierungen vorgenommen, die der Wiederholung einer Finanzkrise, wie wir sie während der vergangenen Jahre erlebt haben, vorbeugen sollen.

Aber wäre die Finanzkrise tatsächlich abwendbar gewesen, wenn die daran Beteiligten zuvor ein Training in Ethik durchlaufen hätten? Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte das nichts gebracht, schon weil wir uns nicht darüber im Klaren sind, wie sehr bei uns die Schere zwischen unserem moralischen Selbstbild und unserem tatsächlichen ethischen Verhalten auseinanderklafft(1).
Noch vor gut 25 Jahren gab es auf den Wirtschaftshochschulen und –Universitäten kaum einen Fachbereich mit Schwerpunkt auf Ethik oder Unternehmens-Moral.

Wenn überhaupt, dann fanden solche Kurse oder Unterrichtseinheiten im Fachbereich Philosophie (2) statt. Dort konzentrierten sich die Wissenschaftler aber vor allem darauf, herauszufinden, wie sich Menschen verhalten sollten, um moralisch einwandfrei zu handeln. Dabei geriet der Blick für die Realität meist völlig in den Hintergrund.

Hier genau setzt die Behavioral Ethics an.

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(1)
Epley, Nicholas and Dunning, David (2000): Feeling „Holier Than Thou”: Are Self-Serving Assessments Produced by Errors in Self – or Social Prediction? Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 79, No. 6, pp. 861 –875
(2)
Bazerman, Max H.; Gino, Francesca (2012): Behavioral Ethics: Toward a Deeper Understanding of Moral Judgement and Dishonesty, Annual Review of Law and Social Science, Vol. 8, pp. 85 –104, 2012