Behavioral Ethics Politik

Welt ohne Normen

von Joachim Goldberg am 31. Januar 2017

Donald Trump ist noch keine zwei Wochen im Amt, und schon scheint die Welt wie auf den Kopf gestellt zu sein. Innerhalb kürzester Zeit hat uns der neue US-Präsident vorgeführt, dass es eine neue Unordnung gibt. Aber nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika, sondern in vielen anderen Bereichen der Welt verschieben sich derzeit die gesellschaftspolitischen Normen. Und das nicht, wie ich vor einigen Wochen (HIER) noch annahm, langsam und peu à peu, damit wir uns schleichend daran gewöhnen können und sich der Bezugspunkt dessen, was gemeinhin als gesellschaftlich akzeptabel gilt, unmerklich immer mehr verschiebt. Stattdessen hat sich der Maßstab für die Wahrnehmung dessen, was in unseren Augen als ethisch oder politisch korrekt gilt, nicht langsam verändert, sondern scheint zeitweise sogar schon völlig verschwunden zu sein.

Die einen sind schockiert, wenn nicht sogar paralysiert, weil sie nicht damit gerechnet hatten, dass Trump seine extremen Ansichten, die er im Wahlkampf vertrat, tatsächlich auch umsetzen würde. Längst geht es nicht mehr nur um die Diffamierung von Behinderten und Frauen, um die Ausgrenzung von Muslimen, Schwarzen und anderen ethnischen Gruppen, die Ablehnung von Homosexuellen und Abtreibungsbefürwortern, sondern um nichts Geringeres als die Abschaffung der Gleichheit vor dem Gesetz, der Pressefreiheit, der Menschenrechte und allem, was nach unserem Verständnis die westlichen Demokratien ausmacht.

 

Wahlversprechen erfüllt

Längst wird nicht mehr zurückgerudert oder relativiert. Vielmehr hat es den Anschein, als müsste die US-Gesellschaft die neuen Regeln exakt so hinnehmen, wie sie gemeint waren. Hierzulande wenden sich zwar viele Menschen von Donald Trump ab, weil er für die Folter eingetreten ist. Waterboarding gutzuheißen, das geht vielen doch entschieden zu weit. Interessanterweise sind dies aber manchmal dieselben Leute, die mehr oder weniger offen den Hut vor Donald Trump ziehen, weil er (im Gegensatz zu den etablierten Politikern und Parteien) seine Wahlversprechen 100prozentig erfüllt. Auch wenn diese Vorsätze noch so irrsinnig gewesen sein mögen. Hauptsache: erfüllt. Wer sich an seine Versprechen und Zusagen hält, gilt als edel.

Und wenn die Trump‘schen Dekrete bei dem einen oder anderen doch Zweifel und Widersprüche auslösen sollten, beruhigt man sich mancherorts schnell mit positiven Argumenten. Trump habe eine große Vision, etwa den Schulterschluss mit Russland. Das kann nur gut für den Weltfrieden sein.

„Regt Euch doch nicht auf!“, sagen andere. Trump werde schon bald an seine Grenzen stoßen, wenn er erst einmal von seiner eigenen Partei zurückgepfiffen wird. Wo sind eigentlich die Demokraten? In meiner Wahrnehmung wirkten sie bis vor kurzem wie vom Erdboden verschluckt. Immerhin wird protestiert. In der ganzen Welt und innerhalb kürzester Zeit kamen etwa mehr als 4 Millionen Unterschriften online zusammen, um Trump verbal in seine Schranken zu weisen.

Aber dann muss ich wieder lesen, dass der Widerstand in den USA gegen Donald Trump gar nicht originär von Menschen kommt, die ihre bürgerlichen Grundrechte wahrnehmen wollen, sondern dass der Aufstand von steinreichen Persönlichkeiten bezahlt worden sein soll, die immer gerne für Unruhe sorgen. Und deswegen sei der Widerstand auch nichts wert. Eigentlich gebe es ihn gar nicht.

Donald Trumps Botschaft könnte allerdings auch noch anders verstanden werden. Denn wenn es ihm dem Anschein nach mühelos gelingt, in einem Land, das als Wegbereiter von Demokratie und Menschenrechten gilt, innerhalb kürzester Zeit alle Werte der Humanität und Meinungsfreiheit außer Kraft zu setzen, dann muss das doch wie Musik in den Ohren aller selbsternannten Autokraten klingen.

Ist von nun an alles erlaubt?

SCHLAGWÖRTER
5 Kommentare
  1. Antworten

    Klaus Singer

    31. Januar 2017

    Danke, Herr Goldberg, für Ihre Einschätzung. Warum aber geht das alles so überraschend schnell, wie Sie schreiben? Haben Sie dafür eine Erklärung?

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      1. Februar 2017

      Sehr geehrter Herr Singer,
      vielen Dank für Ihre Frage. Tatsächlich bin ich im November vergangenen Jahres noch davon ausgegangen, dass Donald Trump im Wahlkampf Extrempositionen vertreten hatte, die er später als halbwegs diplomatischer und rationaler US-Präsident etwas relativieren würde, um in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Nach dem Motto: Ich setze erst einmal einen unerhörten Anker, und gebe später etwas nach, was dann – im Vergleich zur Extremposition – von den Menschen als relativer Gewinn wahrgenommen würde (mehr dazu in meinem Blogbeitrag HIER). Die Überraschung mag nun darin bestehen, dass Trump seine Extrempositionen ohne Rücksicht auf (Gesichts)verluste durchsetzt, womit er zumindest kurzfristig beeindruckt haben mag. Das eigentliche Schockmoment mag aber auch darin bestehen, dass scheinbar niemand Trump zu kontrollieren vermag.

  2. Antworten

    Jan Jintapo

    1. Februar 2017

    Guten Tag Herr Goldberg, ist es eher nicht so, dass die wettweit größte Überraschung die Tatsache ist, dass Herr Trump seine Taten nach der Wahl nicht relativiert hat? Es gehört offensichtlich zum Wahlkampf Wahlversprächungen zu machen. Wenn diese jemand aber wirklich umsetzt sind alle überrascht. Wann hatte letztes mal sonst ein Politiker seine Versprächungen ohne wenn und aber umgesetzt? Den Vertrag mit Wähler von Herr Trump war doch schon VOR der Wahl bekannt, oder?

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      1. Februar 2017

      Genau das habe ich geschrieben: „Längst wird nicht mehr zurückgerudert oder relativiert. Vielmehr hat es den Anschein, als müsste die US-Gesellschaft die neuen Regeln exakt so hinnehmen, wie sie gemeint waren. Hierzulande wenden sich zwar viele Menschen von Donald Trump ab, weil er für die Folter eingetreten ist. Waterboarding gutzuheißen, das geht vielen doch entschieden zu weit. Interessanterweise sind dies aber manchmal dieselben Leute, die mehr oder weniger offen den Hut vor Donald Trump ziehen, weil er (im Gegensatz zu den etablierten Politikern und Parteien) seine Wahlversprechen 100prozentig erfüllt. Auch wenn diese Vorsätze noch so irrsinnig gewesen sein mögen. Hauptsache: erfüllt.“

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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